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Unglaublich befreiend

Karl Ove Knausgård hat in sechs Bänden (davon sind fünf bislang auf deutsch veröffentlicht) radikal offen über sein Leben geschrieben – Sterben, Lieben, Spielen, Leben und Träumen sind die deutschen Titel, da der norwegische Originaltitel “Min Kamp” sich nicht unanstößig ins Deutsche übertragen ließ. Was teilweise wirkt wie die Mischung aus einer Beichte und schamloser Selbstsuche, ist zugleich von großer erzählerischer Schönheit, Klarheit und atmender Lebendigkeit. Hinter der ungezügelten Selbstoffenbarung steckt das Handwerk eines großen Autors. Über diesen Zusammenhang spricht er auch in den folgenden Interviewauszügen.

Sie hatten fünf Jahre quälender Schreibblockade hinter sich und trauten sich plötzlich zu, alle drei Monate 300 Seiten zu veröffentlichen?

Das war ja unglaublich befreiend. Ich war davor ja völlig frustriert. Die Kinder machten so viel Arbeit, ich musste mein eigenes Leben zur Seite stellen, phasenweise wollte ich einfach nur abhauen, alles zurücklassen. Nach den fünf Jahren, in denen ich nichts zustande gebracht hatte, dachte ich zudem meine Karriere als Autor sei gelaufen. Als ich dann begann, über mich selbst zu schreiben, tagebuchartig, habe ich eine Sprache gefunden. Plötzlich brach ein Damm, ich hatte das Gefühl über alles schreiben zu können.

Wie lief das praktisch, haben Sie sich zum Schreiben irgendwo eingesperrt?

Früher dachte ich immer, man muss isoliert sein. Alle großen männlichen Schriftsteller haben diesen Mythos der Einsamkeit des Schreibens kultiviert. Die hatten keine Verpflichtungen, sondern haben nur die Tür hinter sich zugemacht und geschrieben. Der Witz ist: Es ist genau umgekehrt. Man wird erst richtig produktiv, wenn um einen herum Leben ist, Familie, Kinder, man ständig unterbrochen wird. Da kann nämlich nicht das Gefühl aufkommen: Dies ist jetzt ein heiliger Text. Man schreibt offener, freier und dadurch besser. Mit Kindern hat man gar keine Zeit nach Perfektion zu streben.

Sie meinten einmal, dass die essyistischen Teile in “Min Kamp” besser sind als die erzählenden. Warum?

Essays oder akademische Texte schreiben sich praktisch von selbst, weil es ja nur ums Denken geht, und denken kann jeder. Das Schlimmste, was einem mit einem akademischen Text passieren kann, ist, dass die Leute an der Uni über einen lachen. Essays oder akademische Texte zu schreiben bedeutet vor allem, die eigene Inkompetenz zu verbergen. Beim literarischen Schreiben geht man viel größere Risiken ein, weil man sich selbst aufgeben, in einen Raum treten muss, in dem das Ich nicht das Sagen hat. Wie in einem Traum, wenn ein ganz kleines Ding sehr mächtig werden kann, das folgt keiner Logik oder Hierarchie. Genauso weiß man beim Schreiben nicht, wo es einen hinführt, es geht um das eine, dann um etwas anderes, um Eindrücke, Zustände und ein unmittelbares Ausgesetztsein.

Sie nennen “Madame Bovary” den besten Roman der Literaturgeschichte. Das ist ein extrem konstruiertes Buch. Sie selbst sprechen aber gerade von einer Art vorbewusstem Schreibfluss.

Ich habe “Madame Bovary” in allen Lebenslagen gelesen, wieder und wieder. Ich habe auch Flauberts Briefe gelesen, die wunderbar sind, so eine Art Backstagebereich von Flauberts Leben. Obszön, unkontrolliert, voller Sex, befreiend. In “Madame Bovary” stecken alle Ingredienzen dieses Lebens, aber aufgebrochen, fragmentiert, verdichtet. Diese Form, die Meisterschaft des Details, der Rhythmus – alles ist reduziert, und es ist doch alles darin enthalten.

Noch mal: Sie singen gerade das Hohelied auf Form und Strenge, aber ihre eigene Literatur ist Bewusstseinsstrom, unkontrolliertes Laufenlassen.

Ich habe die sechs Bände gegen alle meine ästhetischen Werte geschrieben. Aber indem ich alle Gesetze der Form über den Haufen warf, war es mir erst möglich, Dinge in mir zu öffnen, die bis dahin gar keine Form hatten, die ich nie reflektiert hatte, es ist als ob der Text selbst in eine riesige unbekannte Gegend hineingeht.

Auszüge aus dem Interview mit Karl Ove Knausgård, das vollständig am 10./11. September 2016 in der Süddeutschen Zeitung erschien.

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