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Man darf nicht zimperlich sein

Über die Wahrheit eines Romans und das wirkliche Leben.
Aus einem Interview mit Siri Hustvedt, das am 12. Januar 2003 im Berliner Tagesspiegel erschien.

Frau Hustvedt, Sie und Ihr Mann Paul Auster sind beide Schriftsteller …

… und das ist manchmal durchaus eine Herausforderung. In seinem letzten Buch lässt Paul beispielsweise seine Ehefrau gleich auf den ersten Seiten sterben.

Sie sind in Ihrem neuen Buch “Was ich liebte” auch nicht gerade zimperlich. Der Hauptfigur, einem New Yorker Maler, der auffallende Parallelen zu Ihrem Mann aufweist, wird vom Schicksal übel mitgespielt. Und es gibt einen schrecklichen Stiefsohn. In Ihrem wirklichen Leben haben Sie auch einen Stiefsohn …

Dieses Problem gibt es immer beim Schreiben. Ich hoffe natürlich, dass die Leute, die ich als Vorlage für meine Roman-Personen nehme, merken, wann ich wieder Fiction schreibe, und dass sie diese Überzeichnungen dann nicht auf sich beziehen. Aber gute Fiction dreht sich nun mal um die Wahrheit. Und da darf man nicht zimperlich sein. Es geht nicht darum, was wirklich passiert ist, ein Roman ist kein Katalog wirklicher Ereignisse. Und um an die Wahrheit zu kommen, macht man, was man machen muss. Ein Schriftsteller darf keine Rücksicht nehmen. Um mich das zu trauen, muss ich mich jedesmal durch meine eigenen Ängste arbeiten. Das klingt hart, aber man darf an nichts und niemanden denken in so einem Moment. Nur an das Buch, ein gutes Buch ist also immer etwas Unmoralisches. Auch wenn das Buch selbst von Moral handelt. Verrückt was?

Man darf also kein Mitleid haben mit den Schwächen von realen Personen, auch wenn sie einem nahe stehen?

Nein. In “Lilly Dahl”, einem frühen Buch von mir, kamen zwei wirklich schmutzige Männer vor. Ich habe sie von zwei wirklich dreckigen Männern aus meiner Heimatstadt kopiert. Eines Tages fuhr ich mal wieder in diese Heimatstadt, um ene kleine Lesung zu halten. Plötzlich legte mir eine Frau die Hand auf meine Schulter und sagte: Dirty Dick und Filthy Frank waren meine Onkel. Ich dachte nur: Oh mein Gott. Aber sie hat nur meine Schulter gestreichelt und gesagt: It’s okay, we don’t mind. Wir nehmen es Ihnen nicht übel. Ja, so ist das eben. Man stiehlt immer beim Schreiben.

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