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Ein Kunstwerk ist keine mathematische Gleichung

von Paul Auster

Ein gutes Buch verbraucht sich nicht. Man kann niemals zu seinem Kern vordringen. Das ist der Hauptgrund, warum ein Buch eine Energiequelle sein kann und eine Art Herausforderung über Jahrhunderte hinweg. Man liest immer und immer wieder Shakespeare. Man könnte meinen, es sei alles über Shakespeare gesagt worden. Genau das Gegenteil ist der Fall: Shakespeare ist unerschöpflich. Ein Kunstwerk ist keine mathematische Gleichung: Es soll keine Lösung gefunden werden, denn es gibt keine Lösung. Das Kunstwerk ist eine Erfahrung, und Erfahrung entsteht aus fehlendem Wissen. Es ist nicht das Wissen, das die Lust weckt, eine Erfahrung zu machen, sondern das Gegenteil. Wer sehr starre Gedanken und festgefahrene Meinungen hat, wird nie ein Künstler sein. Kunst zu machen, das heißt Bereiche zu erforschen, die man nicht versteht, und die einem immer wieder entgleiten.

Entnommen dem Interviewband “Die Einsamkeit des Labyrinths”, Rowohlt Taschenbuch, 1999

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