Weiter zum Inhalt

Vom Schreiben

Haruki Murakami über sein Wohlgefühl beim Schreiben

„An dem Wohlgefühl und Vergnügen, das ich empfand, als ich meinen ersten Roman schrieb, hat sich im Grunde nichts geändert. Ich stehe jeden Morgen früh auf, mache mir in der Küche Kaffee, gieße ihn in einen großen Becher, nehme ihn mit an meinen Schreibtisch und fahre den Computer hoch. Dann überlege ich, was ich schreiben möchte. In dieser Zeit bin ich wirklich glücklich. Offen gesagt, habe ich Schreiben kein einziges Mal mehr als etwas Mühsames empfunden. Auch habe ich die quälende Erfahrung, nicht schreiben zu können, bisher (erfreulicherweise) nicht gemacht. Oder besser gesagt: Eigentlich hat es keinen Sinn, einen Roman zu schreiben, wenn es kein Vergnügen bereitet. Würde ich das Schreiben für eine Schufterei halten, könnte ich mich nie daran gewöhnen. Eine Geschichte sollte im Grunde ungehindert hervorsprudeln.“

Entnommen dem Essay „Wie ich Schriftsteller wurde“ in dem Buch „Von Beruf Schriftsteller“, auf deutsch 2016 im Dumont-Verlag erschienen.

Unglaublich befreiend

Karl Ove Knausgård hat in sechs Bänden (davon sind fünf bislang auf deutsch veröffentlicht) radikal offen über sein Leben geschrieben – Sterben, Lieben, Spielen, Leben und Träumen sind die deutschen Titel, da der norwegische Originaltitel „Min Kamp“ sich nicht unanstößig ins Deutsche übertragen ließ. Was teilweise wirkt wie die Mischung aus einer Beichte und schamloser Selbstsuche, ist zugleich von großer erzählerischer Schönheit, Klarheit und atmender Lebendigkeit. Hinter der ungezügelten Selbstoffenbarung steckt das Handwerk eines großen Autors. Über diesen Zusammenhang spricht er auch in den folgenden Interviewauszügen.

Sie hatten fünf Jahre quälender Schreibblockade hinter sich und trauten sich plötzlich zu, alle drei Monate 300 Seiten zu veröffentlichen?

Das war ja unglaublich befreiend. Ich war davor ja völlig frustriert. Die Kinder machten so viel Arbeit, ich musste mein eigenes Leben zur Seite stellen, phasenweise wollte ich einfach nur abhauen, alles zurücklassen. Nach den fünf Jahren, in denen ich nichts zustande gebracht hatte, dachte ich zudem meine Karriere als Autor sei gelaufen. Als ich dann begann, über mich selbst zu schreiben, tagebuchartig, habe ich eine Sprache gefunden. Plötzlich brach ein Damm, ich hatte das Gefühl über alles schreiben zu können.

Wie lief das praktisch, haben Sie sich zum Schreiben irgendwo eingesperrt?

Früher dachte ich immer, man muss isoliert sein. Alle großen männlichen Schriftsteller haben diesen Mythos der Einsamkeit des Schreibens kultiviert. Die hatten keine Verpflichtungen, sondern haben nur die Tür hinter sich zugemacht und geschrieben. Der Witz ist: Es ist genau umgekehrt. Man wird erst richtig produktiv, wenn um einen herum Leben ist, Familie, Kinder, man ständig unterbrochen wird. Da kann nämlich nicht das Gefühl aufkommen: Dies ist jetzt ein heiliger Text. Man schreibt offener, freier und dadurch besser. Mit Kindern hat man gar keine Zeit nach Perfektion zu streben.

Sie meinten einmal, dass die essyistischen Teile in „Min Kamp“ besser sind als die erzählenden. Warum?

Essays oder akademische Texte schreiben sich praktisch von selbst, weil es ja nur ums Denken geht, und denken kann jeder. Das Schlimmste, was einem mit einem akademischen Text passieren kann, ist, dass die Leute an der Uni über einen lachen. Essays oder akademische Texte zu schreiben bedeutet vor allem, die eigene Inkompetenz zu verbergen. Beim literarischen Schreiben geht man viel größere Risiken ein, weil man sich selbst aufgeben, in einen Raum treten muss, in dem das Ich nicht das Sagen hat. Wie in einem Traum, wenn ein ganz kleines Ding sehr mächtig werden kann, das folgt keiner Logik oder Hierarchie. Genauso weiß man beim Schreiben nicht, wo es einen hinführt, es geht um das eine, dann um etwas anderes, um Eindrücke, Zustände und ein unmittelbares Ausgesetztsein.

Sie nennen „Madame Bovary“ den besten Roman der Literaturgeschichte. Das ist ein extrem konstruiertes Buch. Sie selbst sprechen aber gerade von einer Art vorbewusstem Schreibfluss.

Ich habe „Madame Bovary“ in allen Lebenslagen gelesen, wieder und wieder. Ich habe auch Flauberts Briefe gelesen, die wunderbar sind, so eine Art Backstagebereich von Flauberts Leben. Obszön, unkontrolliert, voller Sex, befreiend. In „Madame Bovary“ stecken alle Ingredienzen dieses Lebens, aber aufgebrochen, fragmentiert, verdichtet. Diese Form, die Meisterschaft des Details, der Rhythmus – alles ist reduziert, und es ist doch alles darin enthalten.

Noch mal: Sie singen gerade das Hohelied auf Form und Strenge, aber ihre eigene Literatur ist Bewusstseinsstrom, unkontrolliertes Laufenlassen.

Ich habe die sechs Bände gegen alle meine ästhetischen Werte geschrieben. Aber indem ich alle Gesetze der Form über den Haufen warf, war es mir erst möglich, Dinge in mir zu öffnen, die bis dahin gar keine Form hatten, die ich nie reflektiert hatte, es ist als ob der Text selbst in eine riesige unbekannte Gegend hineingeht.

Auszüge aus dem Interview mit Karl Ove Knausgård, das vollständig am 10./11. September 2016 in der Süddeutschen Zeitung erschien.

Literatur … an einem Ort tief in uns

Allem, was sich mit Worten sagen lässt, kann mit Worten widersprochen werden, was also sollen wir mit Abhandlungen, Romanen, Literatur? Oder anders formuliert: Wovon man sagt, es sei wahr, von dem lässt sich auch immer sagen, es sei unwahr. Das ist ein Nullpunkt und der Ort, von dem aus sich der Nullwert ausbreitet. Doch dies ist kein toter Punkt, auch nicht für die Literatur, denn die Literatur besteht nicht nur aus Worten, die Literatur ist das, was die Worte im Leser erwecken. Es ist diese Überschreitung, die Literatur gültig macht, nicht die formale Überschreitung an sich, wie viele glauben. Paul Celans chiffrenhafte und rätselhafte Sprache hat nichts mit Unzugänglichkeit oder Hermetik zu tun, im Gegenteil, es geht darum, etwas zu öffnen, wovon die Sprache sonst keinen Zugang hat, das wir aber dennoch, an einem Ort tief in uns, erkennen oder wiedererkennen oder, wenn nicht das, entdecken.

Karl Ove Knausgard in LIEBEN

Die zehn Gebote

Ein kleines, fest gebundenes, blaues Büchlein, liebevoll mit Lesebändchen ausgestattet, und im Verhältnis zum kleinen Format zu einem stolzen Preis zu erwerben, erfreut mich schon länger mit einer Fülle von klugen und amüsanten Gedanken, die tatsächlich zum Schreiben verführen.

Die Rede ist von den „Zehn Geboten des Schreibens“, verfasst von so unterschiedlichen Autoren wie Peter Stamm, Zadie Smith, Ulla Hahn, Jonathan Franzen, Harald Martenstein, Juli Zeh, Alessandro Baricco und vielen anderen.

Von Hakan Nesser stammen diese zehn Gebote:

1. Lies mindestens zwei Bücher, bevor du anfängst, eines zu schreiben.
2. Kaufe dir einen Hund.
3. Schreibe alles mindestens zehnmal um. Beim zehnten Mal bist du wieder bei deiner Originalversion.
4. Always look on the dark side of life.
5. Beginne immer an einem Donnerstag – mit der Geschichte, nicht unbedingt mit dem Schreiben.
6. Wenn dir etwas, das du geschrieben hast, wirklich gut gefällt, ist höchstwahrscheinlich etwas damit nicht in Ordnung. Also lasse es nicht veröffentlichen.
7. Versuche nie, deinen Lesern zu gefallen, besonders nicht deiner Mutter.
8. Lies deinem Hund niemals laut vor, was du während des Tages geschafft hast, bevor du ihn nicht anständig gefüttert hast.
9. Höre niemals auf die Ratschläge anderer Schriftsteller.
10. Halte dich niemals an Regeln.

Entnommen dem Buch „Zehn Gebote des Schreibens“, DVA, 2012

Seelenfrieden des Schriftstellers

Jedes Kunstwerk sollte Ausdruck eines inneren Erlebnisses sein … Der Schriftsteller tut gut daran, sich schreibend von Gedanken zu befreien, mit denen er sich so lange auseinander gesetzt hat, dass es ihn belastet, und wenn er klug ist, wird er sich bemühen, nur um seines eigenen Seelenfriedens willen zu schreiben.

W. Somerset Maugham (* 1874 – † 1965) in seiner Autobiographie „Die halbe Wahrheit“

Man darf nicht zimperlich sein

Über die Wahrheit eines Romans und das wirkliche Leben.
Aus einem Interview mit Siri Hustvedt, das am 12. Januar 2003 im Berliner Tagesspiegel erschien.

Frau Hustvedt, Sie und Ihr Mann Paul Auster sind beide Schriftsteller …

… und das ist manchmal durchaus eine Herausforderung. In seinem letzten Buch lässt Paul beispielsweise seine Ehefrau gleich auf den ersten Seiten sterben.

Sie sind in Ihrem neuen Buch „Was ich liebte“ auch nicht gerade zimperlich. Der Hauptfigur, einem New Yorker Maler, der auffallende Parallelen zu Ihrem Mann aufweist, wird vom Schicksal übel mitgespielt. Und es gibt einen schrecklichen Stiefsohn. In Ihrem wirklichen Leben haben Sie auch einen Stiefsohn …

Dieses Problem gibt es immer beim Schreiben. Ich hoffe natürlich, dass die Leute, die ich als Vorlage für meine Roman-Personen nehme, merken, wann ich wieder Fiction schreibe, und dass sie diese Überzeichnungen dann nicht auf sich beziehen. Aber gute Fiction dreht sich nun mal um die Wahrheit. Und da darf man nicht zimperlich sein. Es geht nicht darum, was wirklich passiert ist, ein Roman ist kein Katalog wirklicher Ereignisse. Und um an die Wahrheit zu kommen, macht man, was man machen muss. Ein Schriftsteller darf keine Rücksicht nehmen. Um mich das zu trauen, muss ich mich jedesmal durch meine eigenen Ängste arbeiten. Das klingt hart, aber man darf an nichts und niemanden denken in so einem Moment. Nur an das Buch, ein gutes Buch ist also immer etwas Unmoralisches. Auch wenn das Buch selbst von Moral handelt. Verrückt was?

Man darf also kein Mitleid haben mit den Schwächen von realen Personen, auch wenn sie einem nahe stehen?

Nein. In „Lilly Dahl“, einem frühen Buch von mir, kamen zwei wirklich schmutzige Männer vor. Ich habe sie von zwei wirklich dreckigen Männern aus meiner Heimatstadt kopiert. Eines Tages fuhr ich mal wieder in diese Heimatstadt, um ene kleine Lesung zu halten. Plötzlich legte mir eine Frau die Hand auf meine Schulter und sagte: Dirty Dick und Filthy Frank waren meine Onkel. Ich dachte nur: Oh mein Gott. Aber sie hat nur meine Schulter gestreichelt und gesagt: It’s okay, we don’t mind. Wir nehmen es Ihnen nicht übel. Ja, so ist das eben. Man stiehlt immer beim Schreiben.

Ein Kunstwerk ist keine mathematische Gleichung

von Paul Auster

Ein gutes Buch verbraucht sich nicht. Man kann niemals zu seinem Kern vordringen. Das ist der Hauptgrund, warum ein Buch eine Energiequelle sein kann und eine Art Herausforderung über Jahrhunderte hinweg. Man liest immer und immer wieder Shakespeare. Man könnte meinen, es sei alles über Shakespeare gesagt worden. Genau das Gegenteil ist der Fall: Shakespeare ist unerschöpflich. Ein Kunstwerk ist keine mathematische Gleichung: Es soll keine Lösung gefunden werden, denn es gibt keine Lösung. Das Kunstwerk ist eine Erfahrung, und Erfahrung entsteht aus fehlendem Wissen. Es ist nicht das Wissen, das die Lust weckt, eine Erfahrung zu machen, sondern das Gegenteil. Wer sehr starre Gedanken und festgefahrene Meinungen hat, wird nie ein Künstler sein. Kunst zu machen, das heißt Bereiche zu erforschen, die man nicht versteht, und die einem immer wieder entgleiten.

Entnommen dem Interviewband „Die Einsamkeit des Labyrinths“, Rowohlt Taschenbuch, 1999